Neurodivergenz bei EDS
Neurodivergenz bei EDS
Warum Autismus und ADHS häufiger vorkommen – und was das bedeutet
Das Ehlers‑Danlos‑Syndrom (EDS) ist weit mehr als nur eine Bindegewebserkrankung – es bringt komplexe Herausforderungen mit sich: Gelenkinstabilität, chronischer Schmerz und oft viele Komorbiditäten.
Was viele aber überrascht: Betroffene weisen im Vergleich zur gesunden Allgemeinbevölkerung signifikant höhere Raten bei Autismus und ADHS auf. So sind laut einer aktuellen Erhebung sogar ca. 49% der vom hypermobilen EDS betroffenen Menschen neurodivergent.1
Diese Zahlen sind kein Randphänomen, sondern weisen auf ein klinisch relevantes Zusammenspiel hin. Gerade Menschen mit beiden Diagnosen berichten häufig von Verzögerung in der Diagnostik, Überforderung im Alltag und fehlender individueller Versorgung.
Es wird klar: Nur durch ein ganzheitliches Verständnis von Körper und Psyche kann echte Unterstützung erfolgen.
Was dich in diesem Beitrag erwartet:
- Begriffserklärungen zu Neurodivergenz
- Kurzüberblick EDS & HSD
- Autismus & EDS
- ADHS & EDS
- Gemeinsame Faktoren & Mechanismen
- Theorien zur Verbindung zwischen EDS & Neurodivergenz
- Warum das klinisch relevant ist
- Empfehlungen für Praxis & Betroffene
- Fazit & Ausblick
1, Begriffserklärungen
Neurodivergenz
Neurodivergenz bezeichnet Abweichungen in der neurologischen Entwicklung oder Funktionsweise des Gehirns, die sich von der gesellschaftlichen Norm unterscheiden, also von dem, was als „neurotypisch“ gilt. Diese Unterschiede betreffen z. B. Wahrnehmung, Reizverarbeitung, Denken, Lernen, Aufmerksamkeit oder soziale Interaktion.
Wichtig ist, dass Neurodivergenz als ein Spektrum verstanden wird – das heißt, die Ausprägungen und Merkmale können sehr unterschiedlich und vielfältig sein. Neurodivergenz ist keine Krankheit, sondern eine natürliche Variante neurologischer Vielfalt.
Neurotypisch
Neurotypisch beschreibt Menschen, deren neurologische Entwicklung und Funktionsweise der gesellschaftlichen Norm entspricht – also der Mehrheit. Sie verarbeiten Informationen, kommunizieren und interagieren so, wie es in ihrer Kultur als „gewöhnlich“ oder „erwartet“ gilt.
Neurodiversität
Neurodivers ist ein beschreibender Begriff für eine Gruppe von Menschen, in der sowohl neurodivergente als auch neurotypische Personen vertreten sind. Der Begriff unterstreicht die Vielfalt der neurologischen Veranlagungen innerhalb einer Gemeinschaft.
Autismus
Autismus ist eine neurologische Entwicklungsstörung, die sich vor allem in drei Bereichen zeigt: in der sozialen Interaktion, in der Kommunikation und im Verhalten. Menschen mit Autismus nehmen ihre Umwelt oft anders wahr und verarbeiten Reize auf eine eigene Weise. Häufig zeigen sie:
- wiederholende und stereotype Verhaltensmuster
- besondere Interessen
- Schwierigkeiten mit sozialen Signalen oder Veränderungen im Alltag.
In der früheren Klassifikation (ICD-10) wurde zwischen frühkindlichem Autismus, Asperger-Syndrom und atypischem Autismus unterschieden. In der aktuellen internationalen Diagnoseklassifikation ICD-11 werden diese Unterformen nun unter dem gemeinsamen Begriff Autismus-Spektrum-Störung (ASS) zusammengefasst. Das betont, dass Autismus sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann und als ein Spektrum zu verstehen ist.
ADHS
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine neurologische Entwicklungsstörung, die sich durch Auffälligkeiten in drei Hauptbereichen zeigt:
- Unaufmerksamkeit (z. B. Konzentrationsschwierigkeiten, leichte Ablenkbarkeit)
- Impulsivität (z. B. vorschnelles Handeln, Schwierigkeiten abzuwarten)
- Hyperaktivität (z. B. starker Bewegungsdrang, innere Unruhe)
Die Symptome treten schon im Kindesalter auf und können bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben. ADHS ist keine reine „Kindheitsstörung“. Auch hier können die Merkmale individuell und unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Wichtig ist: Menschen mit ADHS haben nicht nur Herausforderungen, sondern oft auch besondere Stärken – zum Beispiel Kreativität und Spontanität.
ADS
ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) ist eine Variante von ADHS, bei der die Hyperaktivität fehlt oder kaum ausgeprägt ist. Betroffene zeigen vor allem:
- starke Unaufmerksamkeit
- oft Tagträumerei oder „geistige Abwesenheit“
- langsameres Arbeitstempo
- geringe Konzentrationsfähigkeit und hohe Ablenkbarkeit
ADS bleibt häufig länger unentdeckt – insbesondere bei weiblich sozialisierten Personen, deren Symptome oft weniger auffallen oder gesellschaftlich anders bewertet werden. Auch hier gilt: Die betroffenen Menschen haben oft besondere Stärken wie Sensibilität, Kreativität oder genaue Beobachtungsgabe.
2, Kurzüberblick EDS & HSD
Ehlers-Danlos-Syndrom (EDS)
Die Ehlers-Danlos-Syndrome sind eine heterogene Gruppe von genetisch bedingten Bindegewebserkrankungen, die durch eine Überstreckbarkeit der Gelenke (Gelenkinstabilität), eine Überdehnbarkeit der Haut und Fragilität der Gewebe gekennzeichnet ist. EDS geht häufig mit weiteren Begleiterkrankungen und Beschwerden einher, darunter:
- chronische Schmerzen
- Störungen des autonomen Nervensystems (Dysautonomie)
- eingeschränkte Körperwahrnehmung (Propriozeptionsprobleme)
- ein überaktives Immunsystem (Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS))
Das hypermobile EDS (hEDS) ist der häufigste EDS-Typ – allerdings bisher der einzige, für den noch kein spezifischer Gendefekt identifiziert wurde.
Hypermobilitätssyndrom (HSD)
Das Hypermobilitätssyndrom beschreibt Menschen mit überbeweglichen Gelenken, die dadurch Beschwerden haben – z. B. Schmerzen, Instabilität oder Erschöpfung – aber nicht alle Kriterien für EDS erfüllen.
3, Autismus & EDS – Was Studien & Umfragen zeigen
- 13,9 % der hEDS-Betroffenen und 10,6 % der HSD-Betroffenen haben eine bestätigte ASS-Diagnose.1
- Menschen mit EDS haben ein 7,4-fach höheres Risiko für Autismus im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung.5
- Etwa 31 % der autistischen Personen weisen eine klinisch bestätigte Gelenkhypermobilität auf.6
- Rund 39 % der Menschen mit EDS oder HSD erfüllen klinisch die diagnostischen Kriterien für eine Autismus-Spektrum-Störung.6
4, ADHS & EDS – Was Studien & Umfragen zeigen
- Das Risiko für ADHS bei EDS ist um das 5,6-Fache erhöht.5
- Erwachsene mit ADHS zeigen eine Häufigkeit von generalisierter Hypermobilität zwischen 32 % und 74 % gegenüber 13–14 % in Kontrollgruppen mit Menschen ohne generalisierter Hypermobilität3.
- Kinder und Jugendliche mit hEDS hatten signifikant häufiger ADHS als Kinder mit Hypermobilitätssyndrom (HSD)2. In den Altersgruppen zeigte sich:
– 35 %der 15–16-Jährigen mit hEDS hatten ADHS
– 46 %der 17–18-Jährigen mit hEDS hatten ADHS
5, Gemeinsame Faktoren & Mechanismen
Studien zeigen, dass Menschen mit Hypermobilität (inkl. EDS, HSD) und Menschen mit Autismus oder ADHS viele überlappende Symptome haben4:
6, Theorien zur Verbindung zwischen EDS/HSD und Neurodivergenz
Es existieren verschiedene Theorien, die den Zusammenhang zwischen EDS/HSD und Neurodivergenz zu erklären versuchen. Sie sehen eine mögliche gemeinsame
Ursache in folgenden Bereichen4:
7, Warum das klinisch relevant ist
- Eine in 2022 veröffentlichte Studie fand heraus: Rund 50 % neurodivergenter Erwachsener zeigen Gelenkhypermobilität vs. ca. 20 % in der Gesamtbevölkerung.3
- In einer großen Umfrage aus 2025 berichteten 49,1 % der hEDS-Betroffenen und 39,7 % der HSD-Betroffenen von mindestens einer neurodivergenten Diagnose.1
- EDS-Betroffene erleben oft eine verzögerte Diagnosestellung und mangelnde multiprofessionelle Behandlung.
- Routine-Screenings auf Autismus/AD(H)S bei EDS könnten die Lebensqualität stark verbessern.
8, Empfehlungen für Praxis & Betroffene
9, Fazit & Ausblick
Die klinisch relevante Komorbidität von EDS mit Autismus und AD(H)S sowie der generelle Zusammenhang zwischen generalisierter Hypermobilität und Neurodivergenz ist gut belegt.
Die Überschneidungen betreffen nicht nur Symptome, sondern auch alltägliche Herausforderungen, wie etwa medizinische Versorgung, schulische Unterstützung oder Selbstorganisation im Alltag.
Was daraus folgt: Wir brauchen ein Umdenken im Gesundheitswesen – weg von isolierten Blickwinkeln, hin zu vernetzten, ganzheitlichen Ansätzen. Menschen mit EDS und Neurodivergenz benötigen individuelle Unterstützung, frühzeitige Diagnostik und verlässliche Therapieangebote.
Quellen:
- ADHS Infoportal: ADHS, Was ist das?: https://www.adhs.info/fuer-eltern-und-angehoerige/adhs-was-ist-das/
- Autismus Deutschland e.V.: Was ist Autismus?: https://www.autismus.de/was-ist-autismus.html
- Defining the Clinical Complexity of hEDS and HSD: A Global Survey of Diagnostic Challenge, Comorbidities, and Unmet Needs: https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2025.06.05.25329074v1.full.pdf (1)
- Prevalence of ADHD and Autism Spectrum Disorder in Children with Hypermobility Spectrum Disorders or Hypermobile Ehlers-Danlos Syndrome: A Retrospective Study: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33603376/ (2)
- Frontiers in Psychiatry: Joint Hypermobility Links Neurodivergence to Dysautonomia and Pain: https://www.frontiersin.org/journals/psychiatry/articles/10.3389/fpsyt.2021.786916/full (3)
- EDS Awareness: Research Round-Up, Edition 4: Neurodivergence: https://www.chronicpainpartners.com/research-round-up-edition-4-neurodivergence/ (4)
- BMC Psychiatry: Nationwide population-based cohort study of psychiatric disorders in individuals with Ehlers-Danlos syndrome or hypermobility syndrome and their siblings: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27377649/ (5)
- The Ehlers-Danlos-Society: Autism Accaptance Month: https://www.ehlers-danlos.com/autism-acceptance-month/ (6)












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