Neuro-EDS

Neuro-EDS

„Neuro-EDS“

Gibt es einen neurologischen Subtyp des Ehlers-Danlos-Syndroms?

 

In den letzten Jahren taucht in der EDS-Community immer häufiger der Begriff „Neuro-EDS“ auf. Gemeint ist damit kein offiziell anerkannter Subtyp der Ehlers-Danlos-Syndrome, sondern eine bestimmte klinische Ausprägung der Erkrankung, bei der bestimmte neurologische Probleme besonders im Vordergrund stehen.

 

Welche Beschwerden werden mit „Neuro-EDS“ in Verbindung gebracht?

 Zu diesem Muster werden unter anderem folgende Erkrankungen und Begleitdiagnosen gezählt:

  • kraniozervikale Instabilität (CCI) und atlantoaxiale Instabilität (AAI)
  • Tethered Cord Syndrome (TCS)
  • Small-Fiber-Neuropathie (SFN)
  • periphere Nervenkompressionssyndrome
  • Dysautonomien (Störungen des autonomen Nervensystems)
  • Chiari-Malformation
  • Migräne
  • Störungen des Hirndrucks (intrakranielle Hypo- oder Hypertension)
  • Dystonie
  • Eagle-Syndrom
  • Kompression der Jugularvenen
  • ME/CFS
  • Tarlov-Zysten

Nicht jeder Betroffene entwickelt alle diese Erkrankungen. Vielmehr scheint es sich um ein Spektrum zu handeln, bei dem unterschiedliche Kombinationen auftreten können.

 

Was sagt die Forschung?

Bereits seit vielen Jahren beschreiben wissenschaftliche Arbeiten neurologische und wirbelsäulenbezogene Manifestationen bei Menschen mit EDS. Ein wichtiges Übersichtsreview aus dem Jahr 2017 fasste den damaligen Wissensstand zusammen und zeigte, dass Bindegewebsveränderungen weit mehr betreffen können als nur Gelenke und Haut.

Durch die verminderte Stabilität von Bändern und anderem Bindegewebe können insbesondere die Halswirbelsäule, die Schädel-Hals-Region sowie periphere Nerven stärker mechanischen Belastungen ausgesetzt sein. Diskutiert werden unter anderem Instabilitäten der oberen Halswirbelsäule, frühzeitige Bandscheibendegeneration, Nervenkompressionen sowie verschiedene Formen neurologischer Symptome.

Es wurde jedoch auch betont, dass für einige dieser Zusammenhänge zumindest damals belastbare epidemiologische Studien fehlen.

 

Wiederkehrende Muster innerhalb von hEDS

Weitere wichtige Hinweise liefert die Studie von Petrucci et al. aus dem Jahr 2024. Durch die Analyse von 2.149 Personen mit hypermobilem EDS (hEDS) konnten drei unterschiedliche klinische Phänotypen identifiziert werden. Der Begriff „klinischer Phänotyp“ bezeichnet hier ein bestimmtes Muster aus Symptomen und Beschwerden, das bei einer Gruppe von Teilnehmenden der Studie gemeinsam auftritt. Einer dieser Phänotypen war durch eine auffällige Häufung neurologischer und spinaler Manifestationen gekennzeichnet und wies gleichzeitig die höchste Krankheitslast auf. Betroffene dieses Clusters berichteten im Durchschnitt über mehr als vierzehn Begleiterkrankungen.

Diese Ergebnisse beweisen nicht, dass ein eigenständiger biologischer Subtyp existiert. Clusteranalysen gruppieren Menschen anhand gemeinsamer Symptome und Diagnosen, nicht anhand einer gemeinsamen Ursache. Dennoch sprechen sie dafür, dass dieses Muster innerhalb der hEDS-Population regelmäßig auftritt und wahrscheinlich mehr ist als ein zufälliges Zusammentreffen einzelner Erkrankungen.

Überraschend war außerdem, dass der Beighton-Score, der als klassisches Maß für Gelenkhypermobilität genutzt wird und eine große Bedeutung in der hEDS-Diagnostik hat, die unterschiedlichen Phänotypen nicht erklären konnte. Dies deutet darauf hin, dass das Ausmaß der Gelenkhypermobilität allein wenig darüber aussagt, welche Begleiterkrankungen, welcher klinische Phänotyp und welcher Krankheitsverlauf bei einer betroffenen Person auftreten.

Interessanterweise gehörten einige der häufigsten Beschwerden von Menschen mit hEDS, wie beispielsweise gastrointestinale Symptome, Störungen des autonomen Nervensystems oder Migräne gar nicht zu den Merkmalen, die in den aktuellen Diagnosekriterien von 2017 berücksichtigt werden. Gleichzeitig wurden mehrere klassische Kriterien, etwa Mitralklappenprolaps oder Hernien, deutlich seltener dokumentiert. Dies wurde von den Forschenden als Hinweis gesehen, dass die heutigen Diagnosekriterien das gesamte klinische Spektrum von hEDS möglicherweise nicht vollständig abbilden.

Derzeit gelten noch die internationalen Diagnosekriterien von 2017. Eine umfassende Überarbeitung der Klassifikation und Diagnosekriterien für alle EDS-Subtypen sowie die Hypermobilitätsspektrumstörungen (HSD) wurde angekündigt und soll am 1. Dezember 2026 veröffentlicht werden.

 

Warum manche von einem „neuroimmunen“ Phänotyp sprechen

Auffällig ist außerdem, dass neurologische Beschwerden häufig gemeinsam mit Störungen des autonomen Nervensystems und Fehlfunktionen des Immunsystems auftreten. Besonders häufig wird über eine Überschneidung mit dem Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS) berichtet.

Mastzellen befinden sich in unmittelbarer Nähe zu Nervenfasern und setzen zahlreiche Botenstoffe, sogenannte Mastzellmediatoren, frei. Diese können mit Nervenzellen interagieren und deren Aktivität beeinflussen. Daher wird derzeit intensiv erforscht, ob Mastzellmediatoren zur Sensibilisierung oder Irritation von Nerven beitragen und dadurch bestimmte neurologische Symptome verstärken könnten.

 

Ausblick

Die bisherigen Daten sprechen dafür, dass sich innerhalb des hypermobilen Ehlers-Danlos-Syndroms wiederkehrende klinische Phänotypen erkennen lassen. Einer davon ist durch neurologische und spinale Manifestationen geprägt und geht häufig mit verschiedenen Begleiterkrankungen und Störungen des Immunsystems einher. Ob diesem Muster tatsächlich ein eigener biologischer Mechanismus oder sogar ein zukünftiger Subtyp zugrunde liegt, ist derzeit noch ungeklärt. Genau diese Frage dürfte jedoch in den kommenden Jahren ein Schwerpunkt der EDS-Forschung sein.

Bis belastbare biologische Marker oder neue diagnostische Kriterien vorliegen, sollte der Begriff „Neuro-EDS“ daher nicht als eigenständige Diagnose verstanden werden. Er kann jedoch hilfreich sein, um wiederkehrende klinische Muster zu beschreiben und mögliche Zusammenhänge zwischen verschiedenen Manifestationen der Ehlers-Danlos-Syndrome besser zu erkennen.

 

 

Literatur:

Henderson FC Sr, Austin C, Benzel E, Bolognese P, et al. Neurological and spinal manifestations of the Ehlers-Danlos syndromesAm J Med Genet C Semin Med Genet. 2017

Petrucci T, Barclay J, Gensemer C, Morningstar J, Daylor V, et al. Phenotypic clusters and multimorbidity in hypermobile Ehlers-Danlos syndromeMayo Clin Proc Innov Qual Outcomes. 2024;8(3):253-262.

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